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Julchen’s Geschichte Tja, und dann sah ich dieses Riesenkälbchen, ich ging schon an ihrer Box vorbei, weil sie viel zu groß und auch viel zu jung war. Aber ihr Blick ließ mich umkehren, mir war, als spräche sie zu mir. Sie saß ganz still hinten in der Ecke und rührte sich nicht, sie guckte nur. Und ich guckte zurück. Ich hielt vorsichtig meine Hand an die Gitterstäbe. Ihre Rutenspitze begann zaghaft zu wedeln. Ich hockte mich hin und sie kam ganz langsam nach vorne. Mit jedem Schritt wedelte sie mehr und am Gitter angekommen, wedelte bereits ihr ganzer Popo mit. Sie schleckte meine Finger durch das Gitter. Eine Pflegerin rannte vorbei und ich fragte sie nach „Sindel“, dieser Name stand an der Box. Kurzer Kommentar, dass diese Hündin nicht vermittelbar sei und weg war sie wieder. Die nächste Pflegerin, die ich erwischen konnte, war schon etwas auskunftsbereiter und erzählte mir, dass Julchen/Sindel von Obdachlosen abgegeben wurde, überhaupt nicht erzogen und viel zu wild sei. Darum sei sie eben nicht vermittelbar. Ich bequatschte sie und durfte schließlich mit Julchen Gassi gehen, nach Hinterlegung meines Personalausweises.
Nach zwei Stunden kehrten wir zurück. Im Tierheim hatte man begonnen, sich Sorgen zu machen. Es widerstrebte mir sehr, Julchen wieder in ihre Box setzen zu müssen. Aber es musste sein, da die endgültige Entscheidung, ob ich sie mitnehmen konnte von der TH-Leiterin abhing. Ich ging also mit Fotos meiner Wohnung, meinem Gewerbeschein, woraus ersichtlich war, dass ich selbständig von daheim aus arbeitete, der Einverständniserklärung meiner Vermieter und Julchens „Laufzettel“ zur TH-Leiterin. Sie telefonierte, auf ihr Kopfnicken legte ich ihr die Unterlagen vor und spielte derweil mit ihrer Dogge, die gelangweilt im Büro lag. Erneutes Kopfnicken während des Telefonats. Ich sprang und hüpfte mit der Genehmigung zur Abgabestelle, um die Formalitäten zu erledigen. Endlich konnte ich Julchen aus der Box abholen. Julchen kannte kein Auto und verankerte alle vier Tatzen im Boden, als ich sie sanft hineinschieben wollte. O.k. – ich setzte mich hinein, ließ die Türen offen und kaute an meinem Brot herum. Julchen stand draußen und ihre Nase wurde lang und länger. Endlich entschloss sie sich einzusteigen und liebt seither Autofahren über alles.
Wir fanden ihre alten Herrchen und ich erfuhr, dass sie das Ergebnis einer „Liebesheirat“ zwischen einer Irish Wolfhound-Hündin und dem Briard eines Obdachlosen war. Sie wuchs bei den Obdachlosen auf, die an der Isar in der Nähe des Tierparks Hellabrunn lebten. Diese Menschen freuten sich so sehr, dass Julchen so schnell ein Zuhause gefunden hatte und wir besuchten sie regelmäßig mit Kaffee, Tee und belegten Broten, die sie in alter Gewohnheit noch immer mit Julchen teilten. Im April 1994 zogen wir nach Hannover und Julchen und ich traten der Rettungshundestaffel bei, was uns beiden sehr viel Freude machte. Das Frühjahr 1995 brach an und Julchen verlor büschelweise Fell. Auch roch sie seltsam, so gar nicht nach Hund, eher nach Pferdefutter. Sie mied die Sonne und mir fiel auf, dass ihre Krallen unglaublich schnell wuchsen und ich sie immer wieder schneiden musste. Aber sie war munter wie eh und je, und ich machte mir keine weiteren Sorgen. Der Haarausfall wurde etwas besser.
Aber das Wort Leukose ging nicht mehr aus meinem Kopf und so wurde ich sofort bei der bekanntesten Tierklinik unserer Region vorstellig. Ich schilderte sehr genau Julchens Symptome und was mir die vorangegangenen 3 Monate an ihr aufgefallen war (wie ich heute weiss, waren es typische Symptome der Leishmaniose). Julchen wurde zunächst untersucht, es wurde Blut abgenommen, die Lymphknoten abgetastet. Nach ersten Blutergebnissen wurde ich eingehend befragt, ob Julchen im südeuropäischen Ausland gewesen sei, was ich definitiv verneinen konnte. Man röntgte darauf noch die langen Röhrenknochen und machte (jeweils ohne örtliche Betäubung!) eine Knochenmark- und Lymphknotenbiopsie - Julchen schrie erbärmlich.
Ich brauchte einen Tag, um den Schock zu verdauen, indessen bekam Julchen das Cortison. Sie vertrug es gut, ihr Zustand besserte sich ein wenig. Nach etwa einer Woche baute sie jedoch so stark ab (6 kg Gewicht verloren, Nasenbluten, blutiger Durchfall, Blutungen aus der Scheide), dass ich mich schweren Herzens zur Chemo (wegen Plasmozytom) entschloss - ich wollte noch immer nicht ohne feststehende Diagnose Julchen töten lassen. Das Labor habe angeblich noch immer nicht die Ergebnisse geschickt. Und - es klingt wirklich blöd - ich hatte das Gefühl, dass Julchen "bleiben" wollte, wir hatten und haben eine sehr enge Bindung. Die Chemo lief also an und wider Erwarten besserte sich Julchens Allgemeinzustand erheblich. Mittlerweile hatte ich in der ganzen Welt herumtelefoniert (Internet hatte ich damals noch nicht) und bekam aus Südamerika einen Krankheitsbericht eines leishmaniosekranken Hundes. Es kam mir alles so verdammt bekannt vor - genau Julchens Symptome. Ich mogelte mich mit dem Studentenausweis einer Freundin in die Bücherei der TiHo und kopierte mir stapelweise Infos zu Leishmaniose. Parallel quetschte ich die Büroangestellten aus, um das mir immer noch verheimlichte Labor zu ermitteln - es war die Ludwig-Maximillian-Uni in München, Prof. Gothe.
Ich ging zusammen mit Julchen zur Klinik und fragte nach dem Ergebnis des Labors. Man sagte mir, dass man nachschauen müsse und kam zurück - es sei noch immer nicht da... Noch beherrschte ich mich und präsentierte wortlos mein Fax von der LMU München mit dem Ergebnis. Man wurde hektisch... Ich beherrschte mich noch immer und fragte, was denn nun die Klinik an weiteren Therapien zu tun gedenke. Und ob man dem Vorschlag von Prof. Gothe, nämlich Glucantime für 2 Wochen subkutan zu spritzen, folgen wolle. Man sagte mir, dass die Klinik sehr gute Erfahrungen mit Pentostam gemacht habe und man dieses Mittel geben wolle. Allerdings müsse Julchen dazu tgl. auf die Station kommen, da es intravenös mittels Infusion gegeben werden müsse. Hier machte ich den Fehler, nicht zu fragen, worauf denn die Erfahrungen der Klinik beruhten. Wie ich später erfuhr beruhten die "Erfahrungen" auf durchschnittlich einem Fall/Jahr. Julchen bekam also Pentostam i.v. Nach einigen Tagen bereits waren ihre Venen kaputt (das Medikament ist bekannt aggressiv). Dies hätte ich noch hingenommen, aber Julchens Allgemeinzustand verschlimmerte sich von Tag zu Tag. Ihre Haut war von Schuppen übersät, die Ohren ausgefranst, die Nase völlig depigmentiert und wund. Ihr Kot war dünn und blutig. Die täglichen Fieberschübe wurden heftiger.
Ich holte also Julchen ab, resp. ich wollte sie abholen und teilte der Klinik meinen Entschluss mit, sofort die Behandlung abzubrechen und in Eigenregie mit meiner Tierärztin fortzusetzen. Man eröffnete mir, dass man Julchen wegen des hohen Ansteckungsrisikos nicht herausgeben, sondern euthanasieren werde. Das war der Tag, an dem die Klinik bebte.... So sehr habe ich niemals zuvor gebrüllt und auch später in meinem Leben nie mehr. Ich ging schliesslich mit Julchen nach Hause. Das Glucantime habe ich am gleichen Tag in einer französischen Apotheke per Tel. bestellt, weil es hier nur über die internationale Apotheke hätte beschafft werden können mit einer Wartezeit von mind. einer Woche. Die franz. Apotheke lieferte sofort per Eilboten und am nächsten Tag begann die Glucantime-Therapie. Die ersten Spritzen verabreichte Tante Doc, die nächsten gab ich Julchen unter Aufsicht von Tante Doc und die restlichen dann immer daheim. Armes Julchen. Jeden Tag morgens und abends jeweils 10ml Glucantime, welches sehr dickflüssig und mit den dünnen sk-Nadeln nur schwer zu geben war. Aber sie verstand. Ich zog die Spritze auf und sie legte sich ohne ein Wort von mir auf die Seite und ließ die Prozedur über sich ergehen. Mit jedem Tag besserte sich Julchens Zustand. Als sie zum ersten Mal wieder festen Kot produzierte, habe ich sie vor Freude auf der Wiese umarmt. Die Leute, die verwundert schauten, waren mir völlig egal. Dank Nutrical legte sie auch schnell an Gewicht zu und bald reichte ihr normales Essen aus, um das Gewicht zu halten. In den nachfolgenden 2,5 Jahren hatte Julchen in 4-6-monatigem Abstand immer mal wieder akute Schübe. Allerdings nur kutane Erscheinung wie leicht schuppige Rückenhaut, leicht schuppige Ohren und kleine Wunden an den Pfoten. Einmal noch mit Nasenbluten und leichter Depigmentierung der Nase, und es wurde wieder Glucantime notwendig. Alle anderen Schübe bekamen wir mit Allopurinol in den Griff. Ihre Blutwerte waren für die Leishmaniose „normal“, aber das Gesamteiweiß war stets extrem hoch. Tante Doc und ich entschlossen uns zur Dauertherapie mit Allopurinol. Bei Julchens Gewicht von 40 kg bekommt sie 3 Mal tgl. je 300mg. Das war vor etwas mehr als 5 Jahren. Seither hatte Julchen keinen akuten Schub mehr. Die regelmäßige halbjährliche Untersuchung gibt nur noch Anlass zur Freude. Selbst das Gesamteiweiß ist auf normalem Level.
Es ist übrigens sicher, dass sie sich nicht über ihre Mama infiziert hat. Es hat etwas Mühe gekostet, aber da ich mich ja seit Julchen eh sehr für IW’s interessiere, war es irgendwann auch nicht mehr schwer, die Züchterin von Julchen’s Mama zu finden. Diese ist eine prämierte Zuchthündin und der “Liebesunfall” wurde diskret unter den Tisch gekehrt ... Diese Hündin war nur auf deutschen Ausstellungen, niemals im Ausland und war im Jahr 1999 bereits 10 Jahre alt (!!!) und pumperlgsund. Böse Schlussfolgerungen, allerdings kann ich diese nicht beweisen:
1 Jahr später, geschrieben am 13.05.2007 Julchen ist am Dienstag, den 8. Mai 2007 um 14:15 Uhr über die Regenbogenbrücke gegangen.
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