Leishmaniose – Erfahrungsbericht einer Hundebesitzerin
geschrieben am 06.01.2004 von Gertrud S., Paderborn


 Aaron war ungefähr ein Jahr alt, als er im Oktober 2002 zu mir kam. Er stammte aus Mallorca und ich habe sein Bild in der Setter-in-Not-Datenbank entdeckt. Das Foto dieses Kerlchens hatte so etwas unbeschreiblich Ansprechendes an sich, wie er so hübsch und zierlich in seiner Tierheimbox saß und sich von einer Pflegerin für das Foto im Arm halten lässt. Sein Gesichtsausdruck ganz typisch für den Aaron, den ich dann kennen lernen durfte:  freudig, lebensfroh, neugierig, immer auf dem Sprung etwas zu entdecken oder anzustellen. 

Die Vermittlung ging ihren vertrauten und in meinen Augen auch seriösen Weg. Nach einem ausführlichen Telefonat mit der deutschen Vermittlerin, in dem ich sehr viel über den Hund erfuhr, wurde ein Termin für die Vorkontrolle verabredet. Meine Eignung als Hundehalterin und auch meine Lebensumstände wurden sorgfältig in Augenschein genommen und offenbar für gut befunden. Abgesehen von Aarons bisher bekannten Eigenschaften wurde auch das Thema Mittelmeerkrankheiten angesprochen. Aaron sei auf Leishmaniose negativ getestet und mir wurde versprochen, dass ich bei der Ankunft Unterlagen über seine Gesundheitsuntersuchung und den Impfpass bekäme. Das Thema Leishmaniose war zu diesem Zeitpunkt für mich neu. Ich war aber so verliebt in Aarons Bild, dass ich ihn auch genommen hätte, wenn man mir gesagt hätte, dass er Leishmaniose-positiv sei. Die Krankheit wurde als nicht besonders gefährlich beschrieben. Falls sie irgendwann einmal aufträte, wäre sie gut mit Medikamenten behandelbar. Es wäre halt nur wichtig, dass man den Befund kennt, damit man entsprechend reagieren und nicht erst viel Geld für alle möglichen Untersuchungen ausgeben muss, wenn der Hund einmal plötzlich abbauen sollte.

Nach wenigen Tagen wurde mir dann auch der Termin für Aarons Ankunft am Düsseldorfer Flughafen mitgeteilt. Ich erfuhr, dass Aaron für den Flug ein Schlafmittel bekommen würde und ich mich deshalb nicht wundern oder sorgen sollte, wenn er nach der Ankunft erst einmal schläfrig wäre. Es könnte auch sein, dass er durch die Zugluft im Flieger eine Augenentzündung bekäme. Auch darüber sollte ich mir keine Sorgen machen.

Ich fieberte dem Ankunftstermin aufgeregt entgegen. Wie sehr freute ich mich schon auf meinen Begleiter. Alles klappte wie vereinbart. Ein Vertreter der Tierschutzorganisation war am Flughafen mit Vertrag und während der Wartezeit wickelten wir die Formalitäten ab.

Schließlich sah ich Aaron das erste Mal leibhaftig vor mir, als seine Flugpatin mit seiner Flugbox und ihrem Gepäck auf uns zuging. Neugierig schaute das weiße Settergesichtchen durch das Gitter und beobachtete aufmerksam, was um ihn herum vorging. Ganz entzückt war ich dann, als ich ihn nach dem Öffnen der Box ganz vor mir sah: So ein hübsches, zierliches weißes Kerlchen. Er war fast ganz weiß, mit kurzen, strubbeligen grau-weißen Schlappohren, großen, etwas schräggestellten braunen Augen. Für einen Settermix ziemlich kurzhaarig. Nur der lange Schwanz war schön befedert. Seine Ausstrahlung sprach mich sofort genauso an wie auf dem Foto.

Aaron und ich gewöhnten uns schnell aneinander und er lebte sich gut ein. Aaron war stubenrein, kannte offenbar auch das Leben in einer Wohnung mit Menschen. Nur auf Spaziergängen merkte ich, dass das Laufen an der Leine für ihn ungewohnt war. Deutlich spürte man seine Angst, wenn wir Gruppen von Menschen begegneten, vor allem Männern. Dann wollte er sich immer in den nächstgelegenen Hauseingang flüchten. Aber auch diese Zeichen ließen schnell nach. Aaron wurde innerhalb weniger Wochen ein selbstbewusster, sicherer Hund, der mir voll und ganz vertraute und den ich schon nach 3 Tagen ohne Leine mit mir laufen lassen konnte. Nie entfernte er sich weit von mir und kam sofort auf Pfiff oder Ruf. Das hatte ich vom ersten Tag an an der langen Leine mit ihm geübt.

Wir lernten viele andere Hunde und deren Besitzer kennen. Aaron gewann durch sein liebes Wesen die Herzen aller Menschen, denen er begegnete und pflegte zahlreiche Hundefreundschaften. Es war herrlich ihn herumspringen, spielen und toben zu sehen. Alles an ihm war Lebensfreude, Temperament und  Schwung.

Wie angekündigt, hatte Aaron von Anfang an immer Eiter in den Augen. Zuerst behandelte ich dies selbst mit Bepanthen-Augensalbe und erzielte auch eine leichte Besserung. Als es dann nach ein paar Tagen aber wieder schlimmer wurde, ging ich zur Tierärztin.

Wir beschlossen bei der Gelegenheit auch, noch einmal  Südkrankheiten bei ihm testen zu lassen. Der Test umfasste: Babesien IFAT, Ehrlichien, Leishmaniose-Titer, Dirofilarien Antigene. Gegen seine Augenentzündung bekamen wir kortisonhaltige Augentropfen. Nach wenigen Tagen waren die Symptome verschwunden und traten auch erst einmal nicht mehr auf.

Im Vergleich zu anderen Hunden, die ich kenne, war Aarons Appetit immer etwas spärlich. Morgens wollte er oft gar nicht fressen, erst gegen Mittag eine Kleinigkeit und abends dann eine große Mahlzeit. Da seine Verdauung in Ordnung war und man ihm auch sonst keine bedenklichen Symptome anmerkte, dachte ich mir nichts dabei.

Die Ergebnisse der Tests waren alle negativ. Also fühlte ich mich sicher und zufrieden in dem Glauben, einen gesunden Hund zu haben.

Die Zeit ging schnell dahin. Wir hatten einen wunderbaren Weihnachtsurlaub, schöne Winterwochen im Januar und Februar mit herrlichen Schneespaziergängen in unserer neu entstandenen gemischten Hunde- und Menschengruppe, in der Aaron und ich uns pudelwohl fühlten. Aaron war richtig aufgeblüht. Er hat zugenommen, ordentlich Muskulator aufgebaut und war ein zwar schlanker, zierlicher aber kräftiger und blitzschneller Läufer geworden. Es war unsere einhellige Meinung bei seiner schlanken Figur und den hohen Beinen, dass er auch viel von einem Windhund in sich habe. Dafür sprach auch sein zu Hause so ruhiges Wesen, seine Vorliebe für Komfort und weiche Kissen, das schmusige Wesen.

Von März an gingen wir auf den Hundeplatz und zum Agility und Aaron zeigte sich als geschickter und eleganter Agility-Hund, der es sichtlich genoss, für seine Leistungen viel Beifall entgegenzunehmen. Auch die Gehorsamsübungen meisterte er in kürzester Zeit und gerne, wofür er immer sehr viel Lob und Anerkennung bekam.

Als es dann zum Frühling hin wärmer wurde, begann wieder Aarons Augenentzündung. Auch fiel mir auf, dass er auf der Innenseite seines Hinterbeines eine Wunde hatte, die ich fortan genau beobachtete. Er leckte viel und sie heilte auch nach wenigen Tagen nicht ab.

Das nahm ich zum Anlass, mit ihm in eine von anderen Hundehaltern wärmstens empfohlene Tierklinik zu fahren.

Ich bat darum, noch einmal einen Leishmaniose-Test bei Aaron machen zu lassen. Der TA hatte sofort den Verdacht, dass Aaron Allergiker sein könnte. Auch dies wurde untersucht.

Der Befund war: Leishmaniose-negativ (Titer 1:32). Dafür sollte Aaron hochgradig allergisch gegen Hausstaubmilben, Flohbisse und leichter allergisch gegen Sporenpilze sein.

Aaron wurde mit Cortison behandelt. Der TA meinte, dass er, um beschwerdefrei zu bleiben, sein Leben lang Prednisolon 5 nehmen müsse. Mit gefiel einfach aus dem Gefühl heraus diese Lösung nicht, obwohl ich sachlich keine Gegenargumente bringen konnte. Der TA spürte offenbar meine Vorbehalte und wir einigten uns auf eine sehr geringe Dosis. Eigentlich hätte er für sein Körpergewicht 3 Tabletten täglich haben müssen, er bekam aber nur eine und dies reichte auch aus, dass keine Entzündungen mehr auftraten.

Die Augen wurden sofort besser und auch die Hautentzündung klang ab und kam nicht wieder.

Mir fiel nur auf, dass Aaron sehr viel zu trinken begann. Einige Male pinkelte er auch in die Wohnung. Gerade als ich deswegen wieder mit ihm zum Tierarzt fahren wollte, weil ich befürchtete, dass er etwas an den Nieren haben könnte, hörten diese Symptome aber wieder auf.

Eine Woche später entdeckte ich ein Geschwür an seinem Zahnfleisch. Sofort fuhr ich wieder zu der Tierklinik. Dieses Geschwür wurde als Warze diagnotiziert. Man riet mir, diese operativ entfernen, aus dem entnommenen Material ein Serum zu entwickeln und Aaron dieses als Injektion zu geben, damit er immun gegen das Virus wird, das solche Warzen hervorrufen soll.

Nachdem ich schon wegen der Cortison-Behandlung kein gutes Gefühl hatte, schreckte mich dieser Vorschlag vollends ab. Das kam mir vor, wie wenn man mit Kanonen nach Spatzen schießt. Zu Hause steht bei mir im Schrank das  bekannte Werk „Homöopathie für Hunde“ von Wolf. Dort fand ich auch eine Beschreibung von Zahnfleischwarzen wie Aaron sie hatte. Ich besorgte mir die Mittel und tatsächlich verschwanden die Warzen nach 4 Tagen.

Wenige Tage später fuhr ich mit Aaron an die Ostsee, wo wir 3 schöne Wochen verbrachten. Aaron entwickelte dort einen ungeheuer guten Appetit, wie ich es bei ihm vorher noch nicht erlebt hatte. Er war munter und interessiert. Am ersten Tag unterhielt er mit seinen fröhlichen Eskapaden den ganzen Hundestrand.

Nur zu Hause empfand ich ihn ruhiger als sonst und dies machte mich unruhig.

Wenige Tage nach unserer Rückkehr aus dem Urlaub wurde er krank. Er brach, hatte Schüttelfrost und schaute mich so ängstlich an, dass ich keine Minute länger wartete: Obwohl es Sonntag nacht war, rief ich bei meiner TÄ an, erreichte leider nur den Anrufbeantworter, so dass ich dann doch in der Tierklinik anrief, zu der ich eigentlich nicht mehr wollte. Der Leiter der Tierklinik nahm sich am Telefon viel Zeit und meinte dann, dass ich ruhig bis zum Morgen warten könnte, um Aaron dann vorzustellen.

Die Diagnose war: Mandelentzündung. Aaron bekam Antibiotika und ein abschwellendes Mittel. Nach 3 Tagen ging es ihm wieder gut. Auf dem Spaziergang war Aaron überglücklich, wieder toben und laufen zu können. Spät abends ging es dann wieder los: Er wollte nicht fressen, hatte Fieber und war apathisch.

Gleich am nächsten Morgen fuhren wir wieder in die Klinik. Der Arzt sagte, es sei nicht normal, dass die Entzündung nicht abgeklungen sei und schlug vor, ein großes Blutbild zu machen. Er nahm entsprechend Blut ab, gab Aaron gegen seine Beschwerden noch einmal etwas zum Abschwellen und auch Antibiotika. Wenige Stunden nach der Injektion hatte Aaron wieder Appetit.

Voller Unruhe wartete ich bis zum Abend, an dem der Arzt mir Aarons Ergebnisse mittteilen wollte. Das Telefonat war niederschmetternd: „Die Nieren Ihres Hundes arbeiten nicht“ sagte er am Telefon. „Wenn Aaron ein Mensch wäre, müsste er sofort an die Dialyse, der Harnwert ist oberhalb des noch messbaren Bereichs“. Auch die Leberwerte sollten nicht in Ordnung sein.

Es war Freitag abend. Wir vereinbarten, dass ich direkt am frühen Samstagmorgen Aaron in die Klinik bringe,  damit er an den Tropf kommt. Er sollte übers Wochenende dort bleiben. Was war das schwer, den Hund dort zu lassen. Man versprach mir hoch und heilig, mich sofort anzurufen, wenn sich zeigt, dass Aaron es nicht aushält. Gegen Abend rief der Leiter der Tierklinik mich an und sagte, dass sie Aaron in den Sozialraum gelegt hätten und dort bei ausreichend Gesellschaft hätte er sich dann schnell beruhigt und es liefe jetzt alles so gut, dass ich mir keine Gedanken machen müsste, ihn in der Klinik zu lassen.

Montag morgen waren die Harnwerte von über 130 auf ca. 105 gesunken, auch der Creatinin-Wert war von 7,5 auf 6,5 gesunken.

Aaron sollte also erst mal nach Hause. Ich bekam das Nierendiätfutter von Hills und Medikamente mit.

Alles hatte sich gegen uns verschworen. Aarons akute Erkrankung war genau in die Hitzewelle des Sommers 2003 gefallen und Aaron litt sichtlich unter der Hitze und seiner sowieso schon schlechten Verfassung.

Das Nierendiätfutter mochte er nicht. Mühselig gelang es mir, einige Bissen zu füttern. Dann war es offenbar leid und spuckte die ungeliebten Bissen einfach aus. Er war einfach nur müde und schlapp. Lag nur auf seinem Lieblingsplätzen in meinem Bett oder auf der Couch. Allerdings wollte er alle paar Stunden spazieren gehen. Deshalb machte ich auch häufiger kleine Gänge mit ihm.

Der Dienstag war noch schwerer für uns. Die Hitze war unerträglich. Aaron war noch erschöpfter als am Montag und wollte schier gar nichts mehr zu sich nehmen. Nur seine aufgelösten Medikamente konnte ich ihm mit Hilfe einer Spritze einflößen. Voller Sorge rief ich in der Tierklinik an. Man riet mir, Aaron normal zu füttern. Lieber normal als gar nichts. Allerdings lehnte er auch das normale  Futter ab. Ich konnte ihm anbieten, was ich wollte: er drehte einfach nur das Köpfchen beiseite.

Erst am späten Abend, als es etwas abgekühlt hatte und wir einen schönen kleinen Spaziergang gemacht hatten, stand er auf einmal fragend in der Küchentür, so als wollte er sagen „Gibt’s hier eigentlich nichts zu fressen“. Ich bot ihm sein normales Futter an und er verschlang gierig eine ganze Portion.

Mit diesem Auf und Ab vergingen die nächsten Wochen. Mit Unterbrechungen war Aaron insgesamt 11 Tage am Tropf und zum Schluss waren seine Nierenwerte bei 45 (Harnwert) und 3,8 Creatinin. Das war eine ordentliche Verbesserung. Rätselhaft erschienen dem Arzt die schlechten Leberwerte. Aber er sagte, dass die Leber schließlich eine großes Regenerationspotenzial hätte im Gegensatz zu den Nieren, die er deshalb auch vorrangig behandelte. Aaron hatte wieder Appetit, ging jeden Tag gut spazieren und war wieder fröhlich und zufrieden. Sein Zustand schien sich zu stabilisieren.

Der TA schlug vor, noch einmal nach den Ursachen für Aarons Probleme zu forschen und nahm Blut ab für diverse Tests: Tumormarker, Borreliose und auch Leishmaniose noch einmal.

Diesmal war Leishmaniose positiv (1:320). Wir begannen am gleichen Tag mit der vom TA vorgeschlagenen Leishmaniose-Therapie. Auf meine Frage, welche Chancen Aaron hat, falls die Krankheit schon sehr fortgeschritten sei, antwortete er mir „Ich habe hier schon Hunde aus Spanien gehabt mit Leishmanien bis über beide Ohren und die haben wir mit Allopurinol wieder hinbekommen.” Aaron bekam zuerst eine Injektion, die gegen blutsaugende Parasiten allgemein helfen sollte. Eine Woche später sollte dann das Allopurinol eingesetzt werden.

Dazu kam es jedoch nicht, weil Aaron nach wenigen Tagen wieder Fieber hatte. Der TA meinte, dass er mit der Leishmaniose-Therapie nicht beginnen könne, solange Aaron immer noch sekundäre Infekte habe.

Aaron bekam fiebersenkende und abschwellende Mittel, die innerhalb weniger Stunden eine wesentliche Verbesserung seiner Verfassung bewirkten. Er ging spazieren, fraß gut und war einfach gut drauf. Wir haben so einige sehr schöne Tage und Abende zusammen gehabt.

Inzwischen hatte ich jedoch das Vertrauen in den TA verloren. Mir erschien die ganze Behandlung einfach zu zögerlich, auch hatte ich das Gefühl, dass er das Interesse an Aaron verlor, weil es hier offenbar nicht zu einer Heilung, also einem Erfolgserlebnis kam, wie er sich das vorgestelllt und mir immer in Aussicht gestellt hatte.

Ich telefonierte mit meiner alten TÄ vor Ort und bat sie, Aarons Behandlung zu übernehmen. Wir machten einen Termin aus, und am selben Tag fuhr ich zur Klinik und bat um Aushändigung von Kopien aller Befunde und eine Liste aller bisher verabreichten Medikamente.

Ich war überrascht, wie schnell ich alles gleich im Original in die Hand gedrückt bekam. Mein Gefühl war zum wiederholten Mal, dass der TA dort sich in seiner Haut nicht wohl fühlte. Er akzeptierte, dass ich einen Kollegen zu Rate ziehen wollte. Den wieder vom Fieber geschüttelten Aaron hatte ich im Auto gelassen. Als der TA jedoch so sympatisch reagierte, bat ich ihn, Aaron noch einmal etwas zum Fiebersenken zu geben. Darüber kamen wir dann noch einmal ins Gespräch und er fragte „Warum fahren Sie mir Aaron nicht zur Kleintierklinik nach Hannover?“

Das überzeugte mich. Und da auch meine alte TÄ gesagt hatte, dass sie mit Leishmaniose noch keine Erfahrung hätte, packte ich Aaron gleich am nächsten Morgen ins Auto und wir fuhren dorthin.

Wir wurden dort nett und in meinen Augen professionell behandelt. Ich durfte bei allen Untersuchungen dabei sein. Es wurde ausführlich mit mir gesprochen und Aaron sorgfältig untersucht. Man nahm sich sehr viel Zeit für Aaron und behandelte ihn sehr rücksichtsvoll und lieb. Innerhalb weniger Stunden war ausreichend Blut für alle erforderlichen Tests abgenommen, Bauch und Brustraum geröngt und Ultraschall gemacht. Eine Punktion der Lymphknoten wurde durchgeführt, Kot und Urinproben gesammelt.

Dann war erst einmal Warten angesagt. Als wir dann wieder aufgerufen wurden um die ersten Ergebnisse mitgeteilt zu bekommen, war mir schlecht vor Aufregung. Die TÄ begann mit den Worten „Zuerst einmal die guten Nachrichten“. Das war wohl als Beruhigung gemeint, hatte aber genau den gegenteiligen Effekt. Ich wusste nun genau, dass es gravierenden Grund zur Sorge geben musste.

Der war auch da. Es rächte sich, dass in der örtlichen Tierklinik seit ca. 3 Wochen Aarons Nierenwerte nicht mehr kontrolliert worden waren. Sie waren zwar noch nicht wieder so katastrophal wie zu Beginn, jedoch recht kritisch mit einem Harnwert von 80 und Creatinin von 3,9. Ganz schlimm waren auch die Leberwerte. Außerdem waren einige entscheidende Eiweißwerte gefährlich erhöht.

Die von mir beobachteten und von der örtlichen Tierklinik ignorierten Symptome hatte man hier ernst genommen: Aaron hatte eine schwere Anämie, eine Blasenentzünung und Harngrieß in der Blase. Die Tierärzte sprachen die Vermutung aus, dass die Cortison-Behandlung für den Ausbruch der Leishmaniose  bei Aaron verantwortlich war. Sein Fieber war keine sekundäre Infektion, sondern eine direkte Folge der Leishmaniose. Das schwere Atmen war durch die Blutarmut bedingt, weil es für Aaron schwierig war, genug Sauerstoff zu bekommen.

Außerdem stellte sich heraus, dass Aaron auch Babesiose hat.

Man machte mir nichts vor: Aarons Leben wäre innerhalb weniger Tage zu Ende, wenn man nicht sofort massiv eingreift.

Nach all dem, was Aaron und ich schon mitgemacht hatten, war ich mir nicht sicher, ob ich Aaron noch eine weitere Behandlung zumuten durfte, vor allem wenn es ungewiss war, dass ihm noch zu helfen war.

Die Tierärzte in Hannover teilten meine Sorge, hielten seinen Fall jedoch nicht für aussichtslos. Vor allem seine allgemeine Verfassung - er sah gut aus, wirkte lebendig, agil und sehr wach - sprach dafür, es unbedingt zu versuchen. Sie meinten dort, dass es von einer enormen Kraft in dem Hund zeugt, dass er sich so geben kann, bei diesen schlechten Blutwerten.

So ließ ich ihn schweren Herzens dort und telefonierte täglich mit der Chefärztin. Zuerst klang alles ganz positiv. Wir besprachen noch einmal die Frage, ob ich eine Behandlung wirklich durchziehen sollte. Am nächsten Tag erzählte sie mir, dass sie Aarons Fall mit dem ganzen Team besprochen hätte und alle seien sich einig, dass man es unbedingt versuchen sollte, die Leishmanien noch einmal zurückzudrängen. Mir war klar, dass ein Hund mit Aarons Ausstrahlung immer eine solche Unterstützung bekommen würde. Er hatte auch in Hannover einen solchen Anklang gefunden, wie ich es immer wieder mit ihm erlebt habe.

Aaron bekam gegen die Leishmaniose Pentostam-Infusionen, Allopurinol 300 zweimal pro Tag, Imizol gegen die Babesiose, Ronaxan 100 (¾ Tablette täglich) gegen die Blasenentzündung. Zur Herzstärkung und Blutdrucksenkung (was gleichzeitig die Nieren entlasten sollte) gab man ihm Fortekor 5 ((½ Tablette täglich). Außerdem war geplant, seinen Magen und Leber mit Aludrox zu unterstützen, sobald seine Futteraufnahme sich verbesert. Außerdem Infusionen zur Unterstützung der Nierenfunktion. Nierendiät nahm er auch in der Klinik nicht zu sich. Im Vordergrund stand bei ihm, dass er überhaupt Futter zu sich nahm und man gab sich alle erdenkliche Mühe, etwas zu finden, was er mochte.

Nach 4 Tagen jedoch verschlechterte sich seine psychische Verfassung, ohne dass seine Blutwerte sich verschlechterten, allerdings auch nicht verbesserten. Am nächsten Tag bekam er eine Bluttransfusion. Es ging ihm besser und wir schöpften wieder Hoffnung. Doch schon am nächsten Tag war er wieder apathisch. Die Tierärztin war sehr besorgt. Ich sagte, dass ich auf keinen Fall Aaron leiden lassen will. Wir vereinbarten, dass ich sofort nach Hannover fahre und mir selbst ein Bild mache. Und dann treffen wir zusammen die Entscheidung.

Das war die schlimmste Fahrt in meinem Leben: Über die volle Autobahn im strömenden Regen und immer in Gedanken an Aaron, dass man ihn von seinen Leiden erlösen muss, dass ich ihn nun verlieren werde ...

In der Klinik angekommen, wurde wir sofort von einem jungen Arzt begrüßt. Man hatte für uns ein kleines Zimmer hergerichtet. Es lag eine Decke für Aaron da, ein Schüsselchen und diverse leckere Futtersorten. Der junge Arzt sprach mit uns. Er sagte „Ein letzter Versuch. Wir wollen sehen, wie Aaron sich benimmt, wenn sein Frauchen da ist. Wir denken, dass er nur unter der Trennung so leidet.“ Wie rührend war es, den kleinen Aaron zugeführt zu bekommen. Nachdem ich ihn ein paar Tage nicht gesehen hatte, empfand ich seine Erscheinung ganz besonders kindlich. Er wirkte so jung und zerbrechlich. Aaron freute sich sehr, aber er zeigte sich zurückhaltend. Schließlich hatte ich ihn ja auch allein gelassen.

Fressen wollte er von den ganzen Sachen nichts, aber spazieren gehen! Und das taten wir dann auch. Für mich war es ja wie der letzte Spaziergang für ihn und der sollte ganz besonders schön sein.

Als wir zurückkamen, empfing uns der junge Arzt, der uns vom Fenster aus beobachtet hatte. Er sagte, dass Aarons Verhalten jetzt und vorher gegensätzlicher nicht sein könnte. Ganz offensichtlich sehnte er sich nach seinem Frauchen. Er brauche nur noch eine Infusion der ersten 10er Reihe und dann sollte ich ihn nach Hause holen und dort ambulant weiterbehandeln lassen. Vor allem die täglichen Infusionen wegen seiner Nieren waren wichtig. Insgesamt war die Prognose für Aaron sehr sehr vorsichtig. Vor allem seine vorgeschädigten Nieren – wie der Ultraschall deutlich gezeigt hatte – stimmten besorgt. Jedoch wäre erst nach Beendigung der Leishmaniose-Therapie absehbar, wie funktionsfähig sie auf Dauer wirklich sein würden.

Am nächsten Tag war es dann soweit: Ich konnte Aaron wieder nach Hause holen. Ich sehe noch genau vor mir, wie er neben dem Arzt hertrabte, der ihn mir brachte, während ich seine Medikamente einkaufte (Allopurinol, Ronaxan, Fortekor und Aludrox in den Dosierungen wie oben aufgeführt). Ich bekam einen ausführlichen Bericht in dreifacher Ausfertigung mit. Der Arzt meinte noch, dass bei Aaron in den nächsten Tagen eine Besserung eintreten müsste. Wenn nicht ... Darüber hatten wir ja auch gesprochen. Ich war froh, meinen Aaron wieder bei mir zu haben, gleichzeitig war mir das Herz so schwer ....

Am gleichen Abend stellte ich Aaron meiner TÄ vor. Diese fand, dass er gar nicht so schlimm aussah, wie beschrieben.  Sie organisierte für Aaron und mich die am Wochenende benötigten Infusionen und wir gingen zusammen den Bericht durch. Sie erklärte mir auch noch einmal, welche Tabletten er wann bekommen sollte.

Aaron war dann drei Tage bei mir zu Hause. Ich begleitete ihn zu seinen Infusionen beim Tierarzt und bleib auch bei ihm sitzen. Es gelang mir, ihm seine Medikamente einzugeben und am dritten Tag behielt er auch alles bei sich. Aaron suchte viel meine Nähe. Er schlief nachts eng an mich geschmiegt oder auf meinem Bauch. Unsere TÄ machte am Montag die mit der Tierklinik abgesprochenen Blutuntersuchungen. Alle Werte hatten sich gehalten.

Am 16.09.2003 hatten Aaron und ich einen Termin in der Klinik in Hannover. Er sollte dort seine zweite Spritze Imizol bekommen. Am Abend lag er viel in seinem Körbchen im Wohnzimmer, während wir fernsahen. Ich sah ständig zu ihm hin, weil ich seine Augen auf mich gerichtet fühlte. Es war schön, sein süßes Gesichtchen zu sehen, seine schönen braunen Augen so offen auf mich gerichtet. Nach einer Weile kletterte er zu mir auf die Couch. Ich streichelte ihn. Es war schön, dass wir zusammen waren. Er war ganz ruhig und entspannt.

Schließlich ging er in mein Bett – so wie er es oft abends machte. Ich folgte ihm bald, weil wir morgens früh los mussten.

Zwar schlief ich schnell ein, aber ein unruhiges Gefühl wegen Aaron ließ mich wach werden. Ich hörte ihn schwer atmen. Seine Nase war an mein Kopfkissen gedrückt. Ich dachte, dass das Kissen ihn so stört und rückte es weg. Dabei streichelte ich ihn und genau in diesem Moment streckte er sich, tat einen tiefen Seufzer, streckte seine Hinterbeine einmal aus und voll Schrecken wurde mir klar, dass er in diesem Moment für immer eingeschlafen war...

Der Sommer 2003 war der schlimmste Sommer durch Aarons Krankheit, den ich bisher erlebt habe. Und ich mache mir soviele Vorwürfe, weil ich nicht stärker auf mein Gefühl gehört habe: Ich hatte etwas gegen die Cortison-Behandlung, ich habe so früh beobachtet, dass er Probleme mit den Nieren hatte und habe mich vom Nachlassen bzw. Verschwinden der Symptome blenden lassen. Ich hätte viel früher den Tierarzt wechseln müssen. Ich hätte ihn schon viel früher allgemein untersuchen lassen müssen, als ich beobachtet habe, dass sein Appetit nicht so gut ist.

Der Schmerz und die Trauer um Aaron – aber auch unsere Liebe und die vielen schönen Momente – werden immer in mir wach bleiben. Ich werde Aaron nie vergessen. Für alle Südenhunde und deren Besitzer wünsche ich, dass sich die Möglichkeiten einer sicheren Diagnose und Behandlung dieser Krankheit entscheidend verbessern.

Es ist auch wichtig, dass alle an der Einfuhr von Hunden aus dem Mittelmeerraum oder Südosteuropa Beteiligten ein noch stärkeres Problembewusstsein für diese Krankheiten entwickeln. Das Schicksal von Aaron zeigt, dass Leishmaniose eine sehr ernst zu nehmende und gefährliche Reise- und Importkrankheit ist.

Information und Aufklärung ist wichtig für alle, die daran denken, einen Hund aus dem Süden bei sich aufzunehmen, damit sie mit einer eventuell auftretenden Krankheit auch umgehen können. Alle Tierärzte, die Südenhunde behandeln, sollten genügend über diese Krankheiten wissen, um wirksam und schnell genug reagieren zu können, wenn eine solche Krankheit auftritt.

 

 


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